Türme der Zukunft
Für den Grazer Architekten Thomas Pucher bedeutet das Entwerfen, komplexe Probleme zu lösen. Mit diesem Zugang ist der Südsteirer nicht nur zum Global Player geworden. Sein Architekturbüro ist inzwischen eines der größten in Österreich. Von Barbara Hohneder.
© Oliver Wolf

Manchmal kann auch eine Enttäuschung zum Erfolg führen, wie Thomas Pucher feststellen konnte. Denn ausgerechnet jener Entwurf, mit dem sich der Grazer Architekt international einen Namen gemacht hatte, ist nie realisiert worden. Nur zwei Jahre nach der Gründung seines Büros im Jahr 2005 hatte Pucher den Wettbewerb für den Bau des Hauptquartiers der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in der saudischen Hafenstadt Dscheddah gewonnen. Sein Konzept mit einem dem islamischen Minarett nachempfundenen Turm hatte den damaligen OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoğlu überzeugt, der mit dem Hauptquartier den Aufbruch der islamischen Welt aus Diktatur und Unterdrückung unterstreichen wollte. Doch aus Puchers Projekt wurde trotz fertiger Planung nichts. „Ausgerechnet der Arabische Frühling hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, erinnert sich Pucher. „Plötzlich bekam man in Saudi-Arabien Angst vor zu viel Demokratie und Freiheit und so wurde es letztlich nicht gebaut.“

Hindernisse galt es auch bei einem anderen Projekt, dem Green Tower am Reininghaus-Areal zu überwinden. Der erste Bauherr musste aus dem Projekt aussteigen, mit der Wohnbaugenossenschaft ENW konnte aber ein neuer Bauherr gewonnen werden und so laufen die Planungen nun wieder auf vollen Touren. „Nach unserem Plan wird heuer mit dem Bau begonnen“, sagt Pucher.

Der Green Tower ist nur einer von drei Türmen, die Pucher in Reininghaus bauen wird. Für ihn ist das die ideale Form, mit der sich im urbanen Raum Verdichtung realisieren lässt. „Mittelalterliche Städte waren sehr dicht gebaut. Aber weil die Häuser niedrig waren, gab es in den Räumen nicht viel Licht, weshalb sie zum Wohnen nach heutigen Ansprüchen ungeeignet wären“, erklärt er. „Wenn man ihn die Höhe baut, kann man dieses Problem aber gut lösen.“

Geschadet hat Pucher dieser Rückschlag nicht. Im Gegenteil: „Wir haben in zwei Jahren vier große Wettbewerbe gewonnen.“ Puchers Strategie war aufgegangen. Weil er zu Beginn seiner Selbstständigkeit keine Aufträge hatte, wollte er das machen, was ihn immer schon interessiert hatte. In seinem Fall waren und sind das die großen Projekte, gerne auch im Ausland. „Es war schon ein Sprung ins kalte Wasser, aber für mich war das eine sehr heilsame Erfahrung“, sagt er heute. Auch deshalb, weil Pucher gelernt hat, dass große Projekte manchmal Jahre bis zur Realisierung brauchen. Das war auch mit dem Konzertgebäude für die Warschauer Symphonie so. „Diesen Wettbewerb haben wir vor rund zehn Jahren gewonnen. Mit dem Bau wird vielleicht in diesem Jahr begonnen“, hofft Pucher. Wer große Projekte realisieren will, der braucht also einen langen Atem. „Fünf Jahre lang bin ich immer wieder nach Warschau zu Gesprächen geflogen, ein ganzes Jahr lang haben wir den Vertrag verhandelt“, erzählt er. Immer wieder sei es zu Verzögerungen gekommen, weil es lange Zeit überhaupt kein Budget für den Bau gegeben habe, oder weil der Bebauungsplan nicht genehmigt worden war. Wirtschaftlich aushalten könne man diese Probleme nur dann, wenn man so wie er immer an zehn bis fünfzehn Projekten gleichzeitig arbeite. Nur so sei es möglich, flexibel zu agieren, Verzögerungen zu verkraften und seine Mitarbeiter zu halten. „Unsere Branche ist schon ein gewisser Irrsinn“, sagt Pucher.

Hindernisse galt es auch bei einem anderen Projekt, dem Green Tower am Reininghaus-Areal zu überwinden. Der erste Bauherr musste aus dem Projekt aussteigen, mit der Wohnbaugenossenschaft ENW konnte aber ein neuer Bauherr gewonnen werden und so laufen die Planungen nun wieder auf vollen Touren. „Nach unserem Plan wird heuer mit dem Bau begonnen“, sagt Pucher.

Der Green Tower ist nur einer von drei Türmen, die Pucher in Reininghaus bauen wird. Für ihn ist das die ideale Form, mit der sich im urbanen Raum Verdichtung realisieren lässt. „Mittelalterliche Städte waren sehr dicht gebaut. Aber weil die Häuser niedrig waren, gab es in den Räumen nicht viel Licht, weshalb sie zum Wohnen nach heutigen Ansprüchen ungeeignet wären“, erklärt er. „Wenn man ihn die Höhe baut, kann man dieses Problem aber gut lösen.“

Der sparsame Umgang mit Grund und Boden ist ihm aus Gründen der Nachhaltigkeit wichtig. „Wir können heute nicht mehr so tun, als wären unendlich viele Grundstücke vorhanden.“ Nach dem Krieg sei die Stadt Graz – wie weltweit fast alle Städte – gleichsam ungeplant gewachsen. Sie uferte aus, ohne dass sich dahinter ein Konzept verborgen hätte. „International nennt man dieses Phänomen ‚Urban Sprawl‘, also Zersiedelung“, erklärt Pucher. „In den USA hat man sich in Zeiten des Kalten Krieges ganz bewusst dafür entschieden, weil dichtverbaute Städte im Falle eines Angriffs der Sowjetunion leichtere Ziele bedeutet hätten.“

Hinzu kam, dass durch die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert Wohnen, Arbeiten und Produzieren räumlich getrennt werden mussten. Ganz einfach deshalb, weil die Industrieanlagen große Verschmutzer waren und niemand in ihrer Nähe wohnen konnte. Diese Zeiten seien aber vorbei, meint Pucher. „Wir erleben heute einen rasanten Technologieschub, viele Industrien arbeiten zunehmend emissionsfrei und deshalb brauchen wir diese räumliche Trennung nicht mehr“, sagt er.

In Reininghaus sollen Arbeiten und Wohnen wieder eng beieinander stattfinden. Für Pucher ist das Konzept ein wichtiger Ansatz für eine nachhaltige urbane Entwicklung. „Wenn in einem Quartier alle Funktionen stattfinden können, dann kann man auch das Mobilitätsproblem in den Griff bekommen. Man wird in Zukunft nicht mehr unbedingt ein Auto brauchen“, ist Pucher überzeugt.

Die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit beschäftigen Pucher intensiv. Deshalb ist er der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg auch dankbar, dass sie mit ihrem Schulstreik eine breite Öffentlichkeit für diese Überlebensfragen sensibilisiert hat. Neue, nachhaltige urbane Konzepte könnten die Grundlage für ein Umdenken in der Gesellschaft schaffen. Pucher nennt dabei immer wieder unser Verhältnis zum Auto. „Für viele Menschen war nach dem Krieg das Auto das Symbol der Freiheit“, sagt er. „Heute merken wir, dass junge Menschen kein eigenes Auto mehr besitzen wollen.“ Für Pucher ist das ein positiver Trend. „Es geht ja eigentlich nur darum, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Aber dafür muss ich kein eigenes Auto besitzen, sondern benötige nur die Dienstleistung.“ Weg vom Besitz hin zur Nutzung von Dienstleistungen ist ein Rezept, wie die Gesellschaft dem Klimawandel und der Endlichkeit der Ressourcen begegnen müsste.

Dass der Digitalisierung dabei eine entscheidende Rolle zukommt, liege auf der Hand. Das erlebt Pucher auch in seinem eigenen Büro, das sich inzwischen zu einem der größten Architekturbüros Österreichs entwickelt hat. Dass Pucher und seine 45 Mitarbeiter an so vielen Projekten gleichzeitig arbeiten können, wäre ohne die Computerprogramme, mit denen 3D-Modelle erstellt werden können, undenkbar. „Diese 3D-Modelle erleichtern die Zusammenarbeit mit Subunternehmern vor Ort enorm“, so Pucher. „Die Kollegen in Warschau sehen in Echtzeit, woran wir in Graz gerade arbeiten.“ Das würde nicht nur den Planungsprozess beschleunigen, sondern auch viele Flugkilometer sparen. „Vor zwanzig Jahren wäre es unmöglich gewesen, gleichzeitig an so vielen Projekten zu arbeiten“, sagt er. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätten großen Stars der Architektur in ihrer gesamten Laufbahn vielleicht acht Projekte geplant. Dieses Planungspensum erledigen große Büros heute in einem Jahr. Das sei auch der Grund, warum heute viel schneller gebaut werden könne. Mit den heutigen Technologien können Gebäude in sechs Monaten geplant und gebaut werden, an denen man vor dieser technologischen Revolution fünf Jahre gearbeitet hätte. Was aber nicht automatisch bedeute, dass die Arbeit des Architekten leichter geworden wäre. „Wir haben es heute mit vielen Faktoren zu tun, es gibt einen enormen Zeit- und Kostendruck, die Prozesse sind sehr komplex geworden“, erklärt Pucher. „Diese komplexen Prozesse können nur wenige Architekturbüros beherrschen. Wir schaffen das und das ist auch der Grund, weshalb wir weiterwachsen. Die Zeit werde aber kommen, in der Computerprogramme ein Gebäude selbstständig planen werden können. „Für die Branche wird das richtig schlimm werden“, vermutet Pucher. Übrig blieben dann nur besondere Projekte wie Puchers Entwurf für Dscheddah. „Aber die machen höchstens fünf Prozent des gesamten Bauvolumens aus und die werden dann nur noch von den ganz großen Stars der Branche geplant.“ Thomas Pucher könnte einer von ihnen sein.

Atelier Thomas Pucher
Bahnhofgürtel 77/6, 8020 Graz

www.thomaspucher.com

Auszeichnungen
Karl Friedrich Schinkel Preis
International UIA Preis
Fisher von Erlach Preis- 2010
Best Architects Award 2010, 2011, 2012, 2014
Austrian Staatspreis Architektur 2012
Geramb Rose 2016
Iconic Award 2018
Schorsch Award 2018
Build – Architect of the year in Austria 2018
German Design Award 2020

Projekte
Viertel Zwei Wohnhausanlage Wien
Neubau Universitätsbibliothek Graz
School Campus Amstetten
Landeskrankenhaus Salzburg
Green Tower, Reininghaus – Wohnungen
KAYSER – Franz Josefs Kai – Vienna – Apartments
The River, Tartu, Estonia – Apartments
Konzertgebäude der Warschauer Symphonie – Warschau
City Rose Park, Bucharest commercial office
LWL Clinic, Dortmund
Green Heart, Belgrade – Commercial Office
The X, Belgrade – Commercial Office
Zielone Tarasy, Warschau

 

Der Artikel erschien in der Februar Ausgabe 2020 der SPIRIT of Styria

Text: Barbara Hohneder
Fotos: Oliver Wolf