Design Transfer
Graz bekommt Parklet-Prototypen
Eine hohe LebensqualitĂ€t in der Stadt bekommt in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels eine neue Relevanz. Mithilfe der Schaffung eigener Zonen im Stadtraum – zum Beispiel Parklets – kann ein Teil des Straßenraums zugunsten der Menschen zurĂŒckgewonnen werden. Parklets sind kleine Inseln in der Stadt, die zum konsumfreien Verweilen einladen und eine Alternative zu GastgĂ€rten oder ParkbĂ€nken darstellen. Im Rahmen eines Gestaltungswettbewerbs prĂ€sentierten acht Architektur- und Designstudios aus Graz ihre Konzepte fĂŒr Parklets vor einer Jury. Vier der Konzepte werden als Prototypen im Designmonat umgesetzt. Die Creative Industries Styria ist Initiatorin des Projekts und begleitet und moderiert den gesamten Prozess.

Seit den 2000er-Jahren existiert die Idee von Parklets. Weltweit machen Menschen aus ParkplĂ€tzen GrĂŒnoasen, Sitzgelegenheiten oder Gastronomiezonen. Nun werden Parklets auch in Graz im Rahmen des Designmonat 2021 umgesetzt. Die Entspannungsinseln im öffentlichen Raum sind temporĂ€r aufgestellte Sitzgelegenheiten in der GrĂ¶ĂŸe eines Autoparkplatzes mit rund 12 Quadratmetern. Sie sollen Design sichtbar machen und gleichzeitig zeigen, wie Orte sich durch eine neue Benutzbarkeit verĂ€ndern können.

Im Rahmen des Designmonat Graz 2021 wurden acht Architektur- und Designstudios aus dem Netzwerk der Creative Industries Styria eingeladen, ihre Skizzen und Ideen zu Parklets vor einer Jury zu prĂ€sentieren. Die Jury bestand aus Christian Tippelreither, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Holzcluster Steiermark, Wolfgang Skerget, Leiter der City of Design Koordinationsstelle, Bernhard Inninger, Leiter des Stadtplanungsamts, Peter Szapacs (LeithĂ€ndler Accoya) und Oskar Bachinger (Vertriebsleiter) vom Holzhandelsunternehmen Hechenblaickner und ExpertInnen aus dem Architektur- und Designbereich wie Beate Engelhorn, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Haus der Architektur. Vier der acht EntwĂŒrfe wurden von der Jury zur Umsetzung als Prototypen empfohlen. Ziel ist es, mit qualitĂ€tsvollen architektonischen Interventionen kleine gestalterische Hotspots zu schaffen. Über die Stadt Graz verteilt sollen diese Verweilzonen – Sitzgelegenheiten oder auch neuer Raum fĂŒr Pflanzen oder FahrrĂ€der – einen Platz bekommen. Die Umsetzung wird gemeinsam mit Tischlereibetrieben des Holcluster Steiermark abgewickelt. Das verwendete Holz – Accoya – wird von Hechenblaickner gesponsert.

 

Die 8 teilnehmenden ArchitekturbĂŒros

 

FĂŒr die Umsetzung der Parklets wurden qualitative EntwĂŒrfe gesucht, die umsetzbar und benutzerfreundlich sind.

 

Technische Kriterien

  • Inclusive, einladend und selbsterklĂ€rend fĂŒr alle Menschen
  • Verletzungsgefahr soll möglichst ausgeschlossen sein
  • GrĂ¶ĂŸe eines Autoparkplatzes
  • Keine mobilen Elemente
  • Wartungs- und Pflegefreundlich
  • Verwendeter Werkstoff: Holz
  • Integration von Pflanzen

Die Rolle der Creative Industries Styria

Mit dem Design Transfer Programm widmet sich die CIS der Vermittlung von Dienstleistungen und dem Bau von BrĂŒcken zwischen Unternehmen, Institutionen und Designstudios. Sie vermittelt, begleitet, moderiert und vernetzt entlang der Wertschöpfungskette von Kreation, Produktion und Distribution als neutrale Servicepartnerin zwischen Design und Business. So auch im Fall des Projekts „Parklets fĂŒr Graz“. Die CIS begleitet den gesamten Produktentwicklungsprozess von der Einladung der ArchitekturbĂŒros, dem Wettbewerbsmanagement bis zur Fertigung der Prototypen und der EndprĂ€sentation.

Die vier ausgewÀhlten Konzepte

BRAUCHST

Das Konzept von DI Gernot Pichler von BRAUCHST behandelt einen ruhigen, schlichten Aufenthaltsort, der in der urbanen Umgebung fĂŒr Entschleunigung sorgt. Der modulare Aufbau gestattet viele Möglichkeiten, um auf unterschiedliche Standorte individuell eingehen zu können. Man kann sitzen, liegen, sich unterhalten, ein Buch lesen und vieles mehr und durch die angenehme AtmosphĂ€re wird leicht aus einer kurzen eine lange Pause. Mittels einer Vielzahl an Holzlamellen wechselt die Struktur rhythmisch zwischen offenen Teilen, die zum Sonnenbaden einladen, anderen die Schutz bieten, Schatten spenden und RĂŒckzugsorte bilden. „Konstruktiv wird nichts versteckt, jede Verbindung der Holzformate ist sichtbar“, so Pichler. DarĂŒber hinaus erstreckt sich ein grĂŒner Baldachin aus heimischen Kletterpflanzen, KrĂ€utern und Blumen ĂŒber den gesamten oberen Teil der Struktur. Dieser spendet Schatten, kĂŒhlt an heißen Sommertagen und hĂŒllt den Ort in eine vielfĂ€ltige aromatische Geruchskulisse.

Entwurf & Umsetzung: BRAUCHST

FIPE Architects

Das Team von FIPE Architects hat mit ihrer Idee versucht, herkömmliche Sitzgelegenheiten neu zu denken. Die Form leitet sich einerseits aus ergonomischen Gedanken ab und versucht andererseits eine Entsprechung zu dem Material der Parklets, dem neuseelĂ€ndischen Accoya Holz zu finden. „Wir wollten Neuseeland mit Graz verbinden“, so Michael Petar und Markus Fischer, GrĂŒnder von FIPE Architects. Anders als in der Heimat des Accoya Holzes, sind die Surf-Möglichkeiten in Graz begrenzt. Das Konzept „Surfin‘ Graz“ von FIPE Architects soll dies nun Ă€ndern. Eine hölzerne Welle schwemmt die zugeparkten Straßen der Stadt frei und lĂ€dt zum „City Surfen“ ein. Um auch im Trockenen surfen zu können, mit einem kĂŒhlen GetrĂ€nk in der Hand, allein oder in der Gruppe, entstand die Idee der Welle. Zu Ehren des 10-jĂ€hrigen UNESCO of Design JubilĂ€ums der Stadt Graz versucht das Team mit Einfachheit und Eleganz, die Aufmerksamkeit der vorbeispazierenden NutzerInnen zu erreichen und ihr Interesse an Design zu wecken.

Entwurf: FIPE Architects
Umsetzung: COMMOD HOUSE

Studio WG3

Das Konzept von Studio WG3 zeichnet sich vor allem durch FlexibilitĂ€t aus. Es ist modular aufgebaut und bietet die Möglichkeit fĂŒr viele weitere optionale Funktionen: z.B. eine Solarstationen fĂŒr MobilgerĂ€te, FahrradabstellplĂ€tze oder integrierte MĂŒllsysteme. Die Idee kam auf, weil ein Outdoor-Bereich vor dem BĂŒro der perfekte Platz fĂŒr die Mittagspause wĂ€re. „Einer der wichtigsten Punkte fĂŒr uns ist die BegrĂŒnung der Stadt durch Module fĂŒr Pflanzen“, so Matthias Gumhalter von Studio WG3. Das Team hat versucht neue interessante Strukturen zu schaffen, die sowohl auf einem Parkplatz als auch auf einem Platz funktionieren. Durch die geometrische Form können sich die Module auch perfekt an Parkplatzlinien anpassen.

Entwurf: Studio WG3
Umsetzung: Tischlerei Kumpusch

Architekt DI Reinhold Tinchon

Die Idee von Architekt Reinhold Tinchon und Architekt Armin Ibounigg bezieht sich auf ein Gesetz zu Bodenmarkierungen fĂŒr das Verbot des Aufstellens von Fahrzeugen. Danach mĂŒssen FlĂ€chen, auf denen nicht geparkt werden darf, mit einer Zickzacklinie gekennzeichnet werden. Daraus entwickelte das Team „ZickZack“, eine dreidimensionale Umsetzung einer FreihalteflĂ€che. Diese soll als Barriere zwischen dem fließenden Verkehr und dem FußgĂ€ngerbereich dienen. „Zu den vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten kommt außerdem die Integration von dreieckigen Pflanzentrögen als StraßenbegrĂŒnung und Schattenspender hinzu“, so Tinchon und Ibounigg. ZusĂ€tzlich mögliche Funktionen wĂ€ren Lademöglichkeiten fĂŒr Mobiltelefone, integrierte MĂŒlleimer oder Sonnenschirme.

Entwurf: Architekt DI Reinhold Tinchon und AI-D Architektur
Umsetzung: Fritz Friedrich. Gut Holz.

Die vier weiteren Konzepte

epps Architekten

DI Petra Simon und ihr Team von epps Architekten entwickelten die Idee des Stadtparketts, ganz nach dem Motto: „Es braucht nicht viel fĂŒr ein Wohnzimmer in der Stadt“. Am Beispiel des Kaiser-Josef-Platzes lĂ€sst sich das Konzept gut beschreiben. Dort gibt es lediglich eine AsphaltflĂ€che und temporĂ€re Holztische fĂŒr die Marktbespielung, die sich die Menschen auf verschiedenste Weise nach der Marktzeit aneignen. Daher ist es fĂŒr Simon wichtig, dass das Möbel nicht ĂŒberdefiniert ist und NutzerInnen vielfĂ€ltige Möglichkeiten haben es in Besitz zu nehmen. „Wir wollen so ein Wohnzimmer transponieren und es in Form eines Stadtparketts buchstĂ€blich auf die Straße bringen“, so Simon. Menschen können sitzen, liegen, spielen, gĂ€rtnern und vieles mehr und das ohne verpflichtenden Konsum.
http://www.epps.at

©epps Architekten

HoG Architektur

Martin Emmerer und Clemens Luser (HoG collective) haben elf verschiedenfarbigen Module entwickelt, die gemeinsam ein Stadtmöbel mit großem Wiedererkennungswert bilden. Ihr Prinzip war es, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und herauszufinden, fĂŒr welche Handlungssituationen im öffentlichen Raum es keine Möbel gibt. Der Lendplatz, auf dem sich die Menschen selbst Sitz- und StehplĂ€tze aus den Markttischen zusammenbauen, ist ein passendes Beispiel dafĂŒr. „Es ging uns um das Zergliedern und Segmentieren von Funktionen (Sitzen im GrĂŒnen, Essen, Trinken, Reden), die der öffentliche Raum braucht. Die einzelnen Module ergeben in Addition wieder eine Landschaft-Ă€hnliche Struktur, die sich die Bewohner der Stadt aneignen können“, so Emmerer.
http://www.hog-architektur.com

©HoG Architektur

KUESS Architektur

Das Team um DI Nina Kuess von KUESS Architektur hat sich ein Konzept rund um die Triangel ĂŒberlegt. „Triangle ist eine raumbildende Stadtmöblierung die als RĂŒckzugsoase im Großstadtjungle attraktive Verweilmöglichkeiten bietet“, so Nina Kuess. Die Triangel dient hierbei als Skelett, in das die Stadtmöbel hineingebaut werden. Entweder als geschlossene Triangel, die als 2 Meter hohen Pflanzentrog dient oder als offene Triangel, die eine SitzflĂ€che, inklusive RĂŒckenlehne und Sonnenschutz fĂŒr NutzerInnen bietet. Das Holzmöbel bildet in verschiedenen Kombinationen Raum im Stadt- und Straßenraum, belebt ParkplĂ€tze und kann sich auch flexibel in den Stadtraum weiterentwickeln.
https://www.kuess.cc

©KUESS Architektur

AVA – Andrea Vattovani Architecture

Das Ziel von Andrea Vattovani Architecture ist, die Schaffung einer Art Landschaft, die liegen, sitzen, stehen, arbeiten, kommunizieren, lesen und vieles mehr ermöglicht. Das bietet „LAYers“, ein multifunktionelles stĂ€dtisches Mobiliar. “Bei der Gelegenheit ein Parklet gestalten zu dĂŒrfen, war es uns besonders wichtig möglichst viele verschiedene Menschen, BedĂŒrfnisse und Situationen mit einzubeziehen, um so einen Mehrwert fĂŒr die Stadt zu schaffen”, so Igor Kolonic von AVA. Die straßenseitige RĂŒckenlehne ist etwas erhöht, um Schutz vor dem Straßenverkehr zu bieten und ein SicherheitsgefĂŒhl zu geben.
https://andreavattovani.com

©AVA - Andrea Vattovani Architecture
Mehr ĂŒber Accoya – das Material der Parklets – im Interview mit Peter Szapacs, Vertriebsleiter bei Hechenblaickner.