Designmonat Graz 2019
Frauen & Design
Braucht Design eine geschlechtliche Zuweisung? Wann ist Design "weiblich" oder "männlich"? – Design ist sachlich. Schließlich geht es um Sachen. Designte Sachen. In der Grammatik ist es einfach. In der Pragmatik der Alltagskultur schon etwas komplizierter. 2019 liegt der Programmschwerpunkt des Designmonat Graz auf dem Thema "Frauen & Design".

Sollen Dinge ein Geschlecht haben und damit männlichen oder weiblichen Formen unterworfen sein? Brauchen wir geschlechtsspezifische Produkte oder sollen Produkte von Haus aus geschlechtsneutral sein? Würde die Welt anders aussehen, wenn Designerinnen in der Gestaltung tonangebend wären? Oder ist eine „weibliche Handschrift“ im Design auch schon wieder ein Klischee? Wie würden Motorräder aussehen, die sich explizit an Frauen richten, und welche Absatzchancen hätte ein pinker Werkzeugkoffer oder ein Weber-Grill in Altrosa?

Tatsache ist: Das Design bestimmt das Bewusstsein. Und das Bewusstsein bestimmt das Design. Design und Produktgestaltung – gerade in Geschlechterfragen eine Geschichte voller Missverständnisse und Klischees. Im Design von Alltagsgegenständen spiegeln sich immer noch Geschlechterstereotype ihrer Gestalter wider. Besonders heikel wird es, wenn „gut gemeintes“ geschlechtsspezifisches Design, das auf Vorlieben und Bedürfnisse von Frauen Rücksicht nehmen will, die Rollenklischees nur noch verstärkt. Die Logik von Gender Marketing treibt es auf die Spitze: Rundes, Weiches, Puscheliges für die Frau und Hartes, Kantiges, Schnittiges für den Mann. Die Prägungen passieren früh. Bereits die Spielzeugindustrie schafft klare Fronten zwischen der Welt der Elfen, Prinzessinnen und Lillifees und jener der Ritter, Piraten und Lego-Technik-Raumschiffe. Geschlechtsspezifische Wahrnehmungen von Design sind damit auch industriell konstruiert. Die Henne-Ei-Frage bleibt: Mögen Frauen Pink und Pastell, weil sie Pink und Pastell einfach mögen oder weil Wirtschaft und Gesellschaft sie von Kindertagen darauf konditionieren?

Gleichzeitig taugen Designstudios kaum als Kampfzone für angewandten Feminismus.  Längst ist eine Generation junger top-ausgebildeter und international vernetzter Designerinnen am Werk, die ihr Heil nicht im Geschlechterkampf suchen, sondern mit großem Selbstbewusstsein agieren und dabei aus dem Vollen schöpfen. Designerinnen wollen lieber mit ihren Arbeiten überzeugen als mit Parolen und leben auf diese Weise die Gleichstellung der Geschlechter in der Creative Community. Das neue Selbstverständnis einer Generation Pussy Riot, die für Alice Schwarzer höchstens eine Mottenkiste designen würde.

Wie sehr Frauen die einstige Männerdomäne Design längst für sich erobert haben, zeigen die Studierendenzahlen an renommierten Design-Ausbildungsstätten. An der Design Academy Eindhoven, einer der wichtigsten Nachwuchsschmieden Europas, sind bereits zwei Drittel der Studierenden weiblich. Und auch auf dem „Salone Satellite“ der Mailänder Möbelmesse, der Plattform für junge Talente, sind rund die Hälfte der dort präsentierten jungen Designer Frauen.

Eine Breite, die sich allerdings noch nicht in der internationalen Spitze repräsentativ niederschlägt. Noch immer sind die bekanntesten Designer – ähnlich wie in der Architektur – Männer. Die Gründe mögen vielschichtig sein. Liegt es letztlich am Willen zur (Gestaltungs-)Macht, am Gestus der Selbstwirksamkeit und dem Talent zur Selbstvermarktung, der Männern einen überproportionalen hohen Anteil in der Bel-Etage des Produktdesigns einräumt? Ein großes Ego ist schließlich kein Nachteil auf dem Weg nach ganz oben. Wie im Design, so in allen Branchen: Frauen, meist von Natur aus zurückhaltender bzw. weniger konkurrenzorientiert als Männer, geben sich auch mit der zweiten Reihe zufrieden. Selbst im von Frauen dominierten Fashion-Design ist dies häufig zu beobachten. Auch wenn eine Riege junger Designerinnen rund um Lena Hoschek, Marina Hoermanseder und Eva Poleschinski hierzulande seit Jahren erfolgreich den Gegenbeweis antritt.

Während die Bereiche Fashion und Graphic Design mehrheitlich von Frauen bestimmt sind, scheint die Sparte Industrie- und Produktdesign weiter fest in Männerhand.

Ein Grund dafür könnte in der Schnelllebigkeit der Designwelt liegen. Denn für das Entwerfen neuer Produkte sind Innovationen in Technik und Materialien entscheidend. Durch Erziehungszeiten bedingte Brüche in der Berufskarriere von Frauen können hier rasch hemmend wirken. Zudem ist Technikaffinität immer noch etwas gelernt Männliches.

Was braucht es also? Die Überwindung alter und überkommener Rollenbilder und die Ermutigung junger Frauen, sich auch in technisch anspruchsvolle Designdisziplinen zu wagen. Und es braucht ein Bewusstsein für geschlechtersensibles Design und nicht zuletzt Designerinnen und Designer, die bereit sind, Klischees lustvoll aufzubrechen. Warum also nicht eine Baggerschaufel in Pink gestalten? Gesehen beim Baumaschinen-Ausrüster Winkelbauer in Anger bei Weiz. Das innovative steirische Unternehmen nimmt damit Stereotpye gekonnt auf die Schaufel.