Design Month Graz 2020
Better Future: Ein dritter Weg
von Stuart Walker

Wir leben in merkwürdigen Zeiten ‒ Zeiten, in denen viele Menschen sehr gut leben, mit komfortablen Häusern, zwei Autos in der Einfahrt und Urlaub im Süden. Und doch hängen dunkle Wolken über dieser scheinbaren Idylle: Wolken der sozialen Ungerechtigkeit und drohenden Umweltkatastrophe. Über jedem von uns hängt außerdem noch eine Wolke: eine Wolke der Zweifel und des Unbehagens, dass wir etwas Wichtiges übersehen haben, das irgendwie mit diesen größeren Problemen zusammenhängt.

Das Thema des Designmonats Graz – „Better Future“ – wirft eine Reihe von Fragen auf: Was verstehen wir unter „Better“? Auf welcher Grundlage basiert unsere Beurteilung? Und, selbst wenn wir darauf Antworten finden können, wie erreichen wir dieses „Better“? Welchen Weg schlagen wir ein?

Die gegenwärtigen Ansätze zur Gestaltung einer besseren und nachhaltigeren Zukunft weisen erhebliche Widersprüche auf. Ich möchte daher diese Ansätze hier diskutieren und in weiterer Folge eine andere Richtung vorschlagen – einen dritten Weg.

Widersprüche

Zu lange haben wir versucht, sich gegenseitig ausschließende Ziele zu erreichen. Wir fördern das Wirtschaftswachstum, das in hohem Maße von Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Massenproduktion und Verbrauch abhängt – was unweigerlich zur Zerstörung von Lebensräumen, zu Abfall und Umweltverschmutzung führt. Unser wettbewerbsorientiertes Marktsystem fördert noch dazu unsere allgemeine Unzufriedenheit und führt zu gravierenden sozioökonomischen Klüften. Gleichzeitig behaupten wir, dass wir Nachhaltigkeit anstreben. Es sollte also niemanden überraschen, dass diese Rechnung nicht aufgeht.

Dieser Kreislauf wird durch die kontinuierliche Entwicklung und unablässige Vermarktung neuer Produkte und Dienstleistungen vorangetrieben. Die rasche Expansion durch Globalisierung, den ‚freien Handel‘ und die Vernachlässigung von Menschenrechts- und Umweltstandards hat auch dazu geführt, dass das bisher weite Spektrum an Lebensweisen zu einer einzigen verschmolzen ist. Die Menschen befinden sich jetzt weltweit auf einer Autobahn der Selbigkeit, die durch Werbung, Akquisition, Atomisierung und andere Auswirkungen unkontrollierten Wachstums gekennzeichnet ist. Und obwohl dies ein relativ junges Phänomen ist, sind die schwerwiegenden Mängel dieses Systems nur allzu offensichtlich.

Bei der Suche nach Alternativen haben sich zwei miteinander verbundene Ansätze herauskristallisiert:

 

Ökomodernismus

Diese Umweltphilosophie spricht sich für wissenschaftlich fundierte, technologische Lösungen für unsere aktuellen Dilemmata aus. Sie ist eng mit Materialismus und Naturalismus verbunden und als solches eine Fortsetzung der Moderne. Tatsächlich steckt dahinter mehr Szientismus als wirkliche Wissenschaft, was in einer Art Religion resultiert – dem Glauben an die Idee des menschlichen Fortschritts.1

Technowissenschaftliche Lösungen werden nun eingesetzt, um alle Arten von Umweltproblemen in Angriff zu nehmen. Solche Lösungsansätze können wichtige Beiträge leisten, jedoch ist Vorsicht geboten. Sie als die Lösungen für die Umweltkrise zu betrachten, kann – wie so oft – mehr schaden als nützen, denn 1) dienen sie dazu, veraltete Werte und Prioritäten zu stärken, und 2) werden sie häufig mit geringer Sensibilität für den Kontext umgesetzt. Nichtsdestoweniger sind sie bei Unternehmen und Behörden beliebt, da sie zu neuen Produkten und mehr Umsatz führen und so das Wachstum fördern. Wie bei allen anderen Produkten hängen jedoch auch hier ihre Herstellung und Verwendung von der Ausbeutung der natürlichen Umwelt ab. Folglich ist der Ökomodernismus in seiner Voraussicht eher begrenzt. Er nährt unsere Sucht nach wachstumsbasierter Ökonomie, statt sie in Frage zu stellen und hält uns auf unserem gegenwärtigen Kurs des Konsums.

Nachhaltige Entwicklung

In jüngster Zeit hat die nachhaltige Entwicklung weltweit an Bedeutung gewonnen. Unter dem Begriff versteht man für gewöhnlich die miteinander verbundenen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen menschlicher Handlungen – die Triple Bottom Line. Programme zur Umsetzung nachhaltiger Lösungen haben zugenommen. Dazu gehören: die Lebenszyklusanalyse, Cradle to Cradle, The Natural Step, hybrides Leistungsbündel und die Kreislaufwirtschaft. Daraus haben sich auch die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen und des Übereinkommens von Paris ergeben.

Trotz dieser Initiativen steigen die Emissionen weiter an, schwindet der Artenreichtum dahin und ist die Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb und zwischen den Nationen nach wie vor unübersehbar groß.

Wie beim Ökomodernismus geht es bei der nachhaltigen Entwicklung in erster Linie um extrinsische Werte und Vorteile, und auch dies steht weitgehend im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum und der Konsumförderung. Auf einem Planeten mit enden wollenden Ressourcen ist das unhaltbar. Tatsächlich hat Elkington, ein Befürworter der Triple Bottom Line, kürzlich erklärt, dass dieser Ansatz nicht funktioniert hat, weil er nicht auf integrierte Weise übernommen wurde. Die verschiedenen Komponenten wurden getrennt und der Wirtschaft wurde immer Vorrang gegeben.2

Nachhaltige Entwicklung ist zwar umfassender als der Ökomodernismus, wird jedoch durch konventionelles Denken auf ähnliche Weise ausgebremst. Weitere fundamentale Veränderungen sind erforderlich, wenn wir uns von den aktuellen Vorstellungen von einem guten Leben lösen wollen. Manch einer hat etwa eine stationäre Wirtschaft und Entwicklung ohne Wachstum vorgeschlagen.3 Außerdem muss der Gesamtverbrauch von Gütern und Dienstleistungen gesenkt werden. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass solche Vorschläge von Entscheidungsträgern in der Politik oder der Wirtschaft begrüßt werden.

Uns wird ständig gesagt, wir können alles haben, wir können jetzt kaufen und später zahlen, wir sind es uns selbst wert. Aber die Stimmung ist am Kippen. Der unendliche Konsum hat nicht nur ruinöse Konsequenzen, sondern ist auch mit persönlichem Glück unvereinbar. Zunehmende Besorgnis, insbesondere unter jungen Menschen, lässt solche Illusionen langsam bröckeln.

Untersuchungen haben ergeben, dass in konsumstarken Gesellschaften wie den USA Menschen den Zusammenhang zwischen Besitz und einem guten Leben in Frage stellen. Beobachtet werden kann außerdem die Entstehung weniger konsumorientierter Geschäftsmodelle, die kurzlebige Produkte durch Produktlebensdauer und Serviceleistungen ersetzen, Produkte via Tool-Bibliotheken teilen und Werkstätten und Reparaturräume sowie Einkaufszentren etablieren, die nur reparierte Produkte verkaufen. All diese Ideen leisten wichtige Beiträge, sind aber angesichts der Größenordnung der anstehenden Aufgabe eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Es ist unumgänglich, dass wir darüber hinaus den Nettobedarf an natürlichen Ressourcen drastisch reduzieren. Dematerialisierung kann dabei helfen, aber Entkonsumierung ist ebenfalls unumgänglich. Dies wird nicht einfach sein, da der Konsumismus in unseren Vorstellungen von Entwicklung, Fortschritt und Wachstum so verankert ist.

Der dritte Weg

Wenn wir weiterhin nur nach ‚da draußen‘ schauen und uns auf extrinsische Probleme konzentrieren, werden wir nicht zum Kern der Sache kommen. Wir müssen uns zusätzlich dazu tiefgreifender mit uns selbst befassen. Der Weg zur Genesung muss auch innere Entwicklung und intrinsische Belohnungen beinhalten. Dies erfordert einen Umbruch der Werte und Prioritäten ‒ einen Gesinnungswandel.

Spirituelle Lehren warnen seit jeher vor Habgier und Gewinnsucht, davor, sich von Sinnesfreuden und unersättlicher Neugier beherrschen zu lassen, da dies Hindernisse für Zufriedenheit und wahres Glück sind. Wenn unsere Gedanken von Mode, Trends und den neuesten Produkten beherrscht werden, verlieren wir unser Selbstbewusstsein, das nur durch Zurückhaltung und Selbstbeherrschung wiederhergestellt werden kann. Bezeichnenderweise beschreiben moderne geistige Führer unser gegenwärtiges System als ein System der Ungleichheit, Ausgrenzung, Gleichgültigkeit und Zerstörung – ein System, in dem wir unfähig werden, Mitgefühl zu empfinden.4

Alle wichtigen spirituellen und philosophischen Traditionen sagen uns, dass wir uns im tiefsten Inneren erst weiterentwickeln, wenn wir von selbst-orientierten zu selbst-transzendierenden Werten und Prioritäten übergehen. Persönliche Verwirklichung und die Schaffung eines sinnvollen Lebens werden durch das Selbst transzendierende Werte gepflegt. Dementsprechend führt unser gewandeltes Handeln in der Welt zu qualitativ unterschiedlichen Lösungen. Inneres und Äußeres werden gegenseitig informierend und vereinheitlicht, wodurch die Unterscheidung zwischen Subjektiv und Objektiv, zwischen Fakten und Werten, verschwimmt. Anstatt die Welt als Ressource zu sehen, die ‚verfügbar‘ ist und genutzt werden muss, entsteht ein ganzheitlicheres Verständnis unseres Selbst als Teil der Welt.

Entscheidend ist, dass dieses vereinheitlichte Verständnis die Bedeutung nichtrationaler Denkweisen wie Intuition und Vorstellungskraft sowie menschlicher Erfahrung und traditionellem Wissen anerkennt. Diese sind mit Sinnfragen und Vorstellungen von Tugend sowie mit der ‚rechten Gehirnhälfte‘, die für Synthese und Kreativität steht, verbunden. Diese Richtung ist daher stark mit den Ideen, Denkprozessen und Praktiken des Designs verbunden, insbesondere mit dem Design, das über den funktionalen oder wirtschaftlichen Nutzen hinausgeht und einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgt.

Dieser dritte Weg für Design ist in der inneren Weiterentwicklung verwurzelt. Er lehnt Agenden ab, die soziale Spaltung, Unzufriedenheit und Eitelkeit fördern, und hinterfragt Innovationen um ihrer selbst willen. Er ist eine Form des Designs, die das Ausreichende, Lokalisierung, die Dinge, die wir haben, herstellen und pflegen, und Entwicklung von Initiativen und Diensten schätzt, die dazu beitragen, das Gemeinschaftsgefühl wiederherzustellen.

Diese Richtung kann durch kooperativere Geschäftsmodelle und durch staatliche Maßnahmen erleichtert werden, die positive Veränderungen auf lokaler Ebene unterstützen. Alle diese Bereiche tragen dazu bei, eine umfassendere und substanzielle Rolle für Design bei der Gestaltung einer aussagekräftigeren materiellen Kultur und einer nachhaltigen Zukunft zu definieren.

STUART WALKER
Stuart Walker © magination Lancaster

Professor Stuart Walker hat den Lehrstuhl für Design für Nachhaltigkeit an der Lancaster University in Großbritannien inne, wo er das ImaginationLancaster Design Research Lab mitbegründet hat. Er ist außerdem Gastprofessor für Nachhaltiges Design an der Kingston University in London und emeritierter Professor an der University of Calgary in Kanada. Seine Forschung untersucht ökologische, soziale und spirituelle Aspekte der Nachhaltigkeit. Seine konzeptuellen Designarbeiten wurden international ausgestellt. Zu seinen zahlreichen Publikationen gehörten unter anderem Sustainable by Design; Design for Life und Design Realities.

www.stuartwalker.org.uk

Anmerkungen

1 Gray, J. (2018) Seven Types of Atheism, Penguin Books, London, S.3.

2 Elkington, J. (2018) 25 Years Ago I Coined the Phrase “Triple Bottom Line.” Here’s Why It’s Time to Rethink it, Harvard Business Review, Harvard Business Publishing, Brighton, MA, 25. Juni 2018, verfügbar unter: https://hbr.org/2018/06/25-years-ago-i-coined-the-phrase-triple-bottom-line-heres-why-im-giving-up-on-it, Stand 4. Juni 2019.

3 Daly, D. (2007) Ecological Economics and Sustainable Development: Selected Essays of Herman Daly, Edward Elgar, Cheltenham, Großbritannien, S. 228-236.

4 Bergoglio, J. M. (Papst Franziskus) (2013) Evangelii Gaudium, Vatican Press, Vatikanstadt, S. 45-48.