| Turin - erste "World Design Capital" |
Turin | Exkursion
Turin - World Design Capital 2008 - ein Reisebericht
Auf Einladung der Stadt Graz, Abteilung für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung und der Creative Industries Styria besuchten 30 DesignerInnen und/oder Designinteressierte Turin, World Design Capital 2008. Ganz im Sinne beider Einlader bot die viertägige Exkursion Anlass zum besseren Kennenlernen, Netzwerken und die gleich zweimalige zehnstündige Busfahrt trug das Ihre zu Kommunikation und angeregtem Austausch bei. Gemeinsame Interessen ermöglichten es jenen, die sich vom Hörensagen kannten, besser kennen zu lernen, und da Turin auch eine Hauptstadt des Slow Food ist, sorgten auch kulinarische Genüsse für eine angenehme Atmosphäre, wie im seit Jänner 2007 geöffneten „Luxus-Naschmarkt“ Eataly.
Warum Turin?
Das Piemont, ist seit jeher bekannt für hervorragende Leistungen im Designbereich, aber vor allem auch ein Gebiet, das beispielhaft genau jene Design-Leistungen als wichtiges Instrument für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung ansieht. Grund genug Turin zur ersten „World Design Capital“ zu küren, quasi als Beta-Tester. Dieser Titel, verliehen von der ICSID (International Council of Societies of Industrial Design), bedeutet in erster Linie Internationalisierung, denn ehemals nationale Produktionsorte wurden und werden zu Projektentwicklungsorten, die sich programmatisch mit den vier großen Diskussionsthemen Design und Kollektivität, Design und Unternehmenswelt, Design und Ausbildung und Design und Entwicklungspolitik auseinander setzen. TouristInnen, DesignerInnen und Designinteressierte besuchen Turin 2008 nicht mehr nur aufgrund von Fiat, Juventus, kulinarischer Feinheiten oder des Grabtuchs Christi, sondern um auf über 180 Veranstaltungen eine Region, die sich unter dem Motto „Flexibility“ der Internationalisierung verschrieben hat. Die Entwicklungen, die Turin in den letzten 30 Jahren geprägt haben, hinterlassen nicht nur interessante Eindrücke, sondern sind gerade auch für eine angehende UNESCO City of Design wertvoll, denn letztlich ist es auch eine Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft, die auf Kreativität und Wirtschaft gleichermaßen aufbaut.
Von der Stadt der Fließbänder zur Stadt der Trends
Turin war in den 70er Jahren, dank der Stahl- und Autoindustrie, eine der reichsten Städte Italiens und gleichzeitig Zentrum der ArbeiterInnenbewegung. Erdölkrise und weitreichende Rationalisierungsmaßnahmen beendeten die Euphorie und führten zu einer regelrechten Identitätskrise Turins. Als 1999 die Olympischen Winterspiele 2006 an Turin vergeben wurden, ward Licht am Horizont gesehen und die Errichtung der Großbaustelle Turin begann: es war die Bauindustrie, die das postindustrielle Turin beschäftigte und dazu führte, dass Ziele, wie die Lebensqualität im Zentrum zu verbessern oder die Peripherie zu beleben, umgesetzt wurden.
Der Auftakt der viertägigen Exkursion, eine Bustour durch das „neue“ Turin, führte genau diese Entwicklung, von der einstigen Industriestadt am Rand der Alpen hin zu einem Zentrum der Innovation, der Kultur und der Lebensqualität, vor Augen. Beginnend beim Stadtteil Lingotto, der das erste Fiat-Werk von 1916 beheimatet, und Symbol für den Wandel geworden ist. Das ehemalige Autowerk ist von Renzo Piano zum Messe-, Kultur und Shoppingzentrum umgestaltet worden; die einstige Autoteststrecke am Dach ist nicht nur potentielle Joggingbahn, sondern bietet auch einen phantastischen Blick über das olympische Dorf und ermöglicht Einblick in das bereits teilweise realisierte Großprojekt Spina Centrale, eine diagonale Hauptachse durch die Innenstadt, in vier Abschnitte geteilt. Zentrales Element – Spina 1 – ist ein dreizehn Kilometer langer Boulevard entlang unterirdischer Bahngeleisen. Kern von Spina 2 ist der Bau eines neuen Hauptbahnhofs, in dessen Nähe auch einige Wolkenkratzer, sofern sie nicht das Wahrzeichen der Stadt – die Mole Antonelliana – mit 167 Meter Höhe überschreiten, und Spina 3, der größte Teil mit 1,2 Quadratkilometern, beheimatet ein Einkaufszentrum, das Technologiezentrum Environment Park, Wohnbauten und die Kathedrale Santo Volto von Mario Botta – Schlusspunkt der Turin Today Bustour, aber Ausgangspunkt vieler Diskussionen: ein alter Fabriksturm, umfunktioniert zum Glockenturm und mit Kreuz versehen und damit möglicherweise markanter Schlusspunkt einer Ära.
In der Ausstellung C.Stem, die die Programmierung und Produktion von generativen, computergestützten Systemen in Kunst und Design zum Thema hat, konnte man neben den Earth Bowls der Grazer Produktdesigner Fluid Forms (Hannes Walter und Stephen Williams) u. A. auch Ebru Kurbak und Mahir Yavuz (Türkei), die Pullover mit Google-News gestalten, oder Adrian Bowyer (University of Bath, UK), mit seinem leistbaren RepRap – Kurzform für Replicating Rapid-prototyper, der nicht nur jede Menge Sinnvolles reproduzieren kann, sondern interessanterweise auch seine eigenen Bestandteile: eine Maschine, die sich selbst kopiert.
Flexibility ist nicht nur Leitmotiv von Turin World Design Capital 2008, sondern auch der Name einer Ausstellung, die Design in einer schnelllebigen Gesellschaft und Multidisziplinarität zeigt. Als Ort wählte man für diese Thematik, die einmal mehr belegt, dass Design die Grenzen zwischen Kunst und Alltag verwischt (Boris Groys), das aufgelassene Gefängnis „Ex-Carceri, Le Nuove”. Die Ausstellung ist entlang der Korridore und der Gefängniszellen in drei Etappen aufgeteilt: der ehemalige Ort des erzwungenen Stillstands und der Beengtheit wird als Chance für Anpassungsfähigkeit bzw. Überlebensfähigkeit begriffen und zeigt dem Besucher die Vielfalt und Vieldeutigkeit von Flexibilität.
Dream ist eine von drei Ausstellungen, die sich mit der Entwicklung des Automobils als entscheidendes Kulturereignis allgemein und speziell für Turin auseinander setzt. Anhand von über 50 Prototypen und repräsentativen Autos, beginnend in den 50er Jahren, wird der Traum vom Auto als Zeichen für Optimismus par excellence, als visionär und zukunftsweisend, aber auch als naiv und eskapistisch gezeigt. Legendäre Marken wie Fiat, Lancia, Ferrari und Maserati aber auch bereits verschwundene Marken gaben ihren Visionen von purem Design bzw. reiner Schönheit freien Lauf, ohne Rücksicht auf Herstellungskosten oder Umweltauflagen. Der „Traum“ dauert seit fast 60 Jahren an, aber er ist zu einem Konzept geworden, das gesellschaftliche Entwicklungen lesbar macht und Kontinuität zeigt.
Am Ende dieser kurzen Reise stand noch die 11. Architekturbiennale in Venedig auf dem Programm. Kurator, Architekt und Theoretiker Aaron Betsky gibt der Biennale das Motto „Out there – architecture beyond building“ und meint damit die Frage: „Wie können wir uns durch Architektur die moderne Welt zu unserem Zuhause machen?“ Die Antworten versuchen zahlreiche Projekte zu geben, in den Pavillons auf den Gardini die nationalen Beiträge, sowie eine Ausstellung im italienischen Pavillon, und im Arsenale, wo „Master“ und große Namen zu finden sind.
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